Der Sammler

Sie stand genau vor ihm. Es waren nur fünf Schritte, die er hätte machen müssen um sie anfassen zu können. Doch er tat es nicht. Zu ideal war sie. Wie ein Ölgemälde von einem Künstler, der bereits vor einer sehr langen Zeit verstorben war. Überwältigend, fesselnd, absolut… unantastbar. Eine Perfektion, so wie er es sich immer gewünscht hat. Lange, blonde Haare. Helle und makellose Haut. Volle Lippen, die durch den roten, leicht verschmierten Lippenstift noch voluminöser erschienen, doch es war in keinster Weise unpassend. Sie wirkten eher ergänzend zu ihren überaus großen, Reh-braunen Augen. Der schmale Hals, den er so gerne berühren würde. Die vollkommenen Brüste. Die schlanke Taille. Die langen Beine.  Nur fünf Schritte.

Es war ein dunkler Raum. Der einzige Lichtstrahl war auf sie gerichtet. Er konnte jedes Muttermal sehen. Jedes so winziges Detail an ihrem unverhülltem Leib. Doch das, was jedem sofort ins Auge gestochen hätte, übersah er. Absichtlich.

Die Nähte an ihrem erstarrtem Gesicht und ihrem leblosen Körper. Und auch wenn das Zimmer dunkel gewesen ist, hätte der Geruch der Verwesung verraten, dass der Raum voller entstellten Leichen war.

 

G – Geburtstag

 

Ein Kind. Ein Mädchen. Ein Geburtstag.

Kein Lachen. Stille. Nicht mal ein Flüstern.

Ein Mädchen, das nicht feiern wollte,

Acht Jahre alt, spielt gerne Flöte.

 

Der Tag fing schon hysterisch an:

„Ich will die gar nicht sehen, Maam!“

Die Mutter ignorant wie immer:

„Zieh dich jetzt an! Kein Wort mehr. Stille!“

 

Die Gäste rufen, der Clown mit:

„Das Beste für’s Geburtstagskind!“

 

Doch dann die Torte:

„Oh mein Gott, was hab ich da in meinem Mund?“

Sie kauen, schlucken und verdauen

Die kleinen Stücke feinster Sahne.

 

Das Mädchen freut sich,

Denn sie weiß, was es für alle später heißt.

 

Dessert zu Ende, alle Satt

Gesicht im Teller, allesamt.

 

Ein Kind. Ein Mädchen, spielt gerne Flöte.

Ein kleiner Mörder und zehn Tote.

 

Der Freiflug

freiflug

Zehn Sekunden bis zum Bodenkontakt…1, 2, 3…

Endlich Freiheit und Unabhängigkeit. Einsamkeit, Unsicherheit und Angst gehören der Vergangenheit an. Keine Eifersucht, keine Lügen. Befreit vom menschlichen Leiden und Schmerz. 4, 5, 6…

Keine Verpflichtungen. Keine dummen Feiertage. Keine Familie und Verwandte. Keine falschen Freunde. Keine Gefühle. Stopp! Keine Liebe?… 7, 8, 9…

Keine Rendezvous? Keine Romantik? Keine Küsse? Keine gefühlsvolle Berührungen? Keine ergreifende Momente der Erregung? Keine Liebe … 10… kein Weg zurück, nur ein kalt werdender Leib, auf dem grauen Asphalt, vor einem Hochhausgebäude.

B – Begierde

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Er sagt nur drei kurze Worte. Mit samtiger und vertrauter Stimme flüstert er sie dir ins Ohr. Er ist so nah, dass du sein Herzschlag hören kannst. Schnell und rhythmisch. Doch seine Stimme klingt nicht aufgeregt. Er spricht die Worte langsam und gefühlsvoll aus.

Jede an deiner Stelle wäre bereits dahin geschmolzen. Jede andere würde Alles für diese Worte geben. Jeden Traum opfern. Jede Freundschaft aufgeben, um nur bei ihm zu sein. Jede, nur nicht du.

Diese Worte klingen für dich wie das Geheul einer Mutter, die ihr Kind gerade verloren hat. Wie ein Gebrüll eines Tiers, das gerade geschlachtet wird. Wie das Geschrei einer jungen Frau, die gerade missbraucht wird. Und du bist machtlos. Du kannst nichts tun, denn du sitzt auf einem Stuhl und deine Hände sind gebunden, dein Mund zugeklebt und nur die Tränen, die gerade deine Wangen herunterfließen und in den Winkel deines zitternden Mundes ihren bedeutungslosen weg beenden, sind frei und erlöst. Er steht neben dir und du begreifst langsam, dass der Herzschlag aus deinem Brustkorb kommt, denn solche Kreaturen wie er besitzen kein Herz. Und als wäre er dazu fähig, sagt er diese drei kurze Worte: „Ich. Liebe. Dich“.

 

Kurzgeschichte: Der Pinsel

 

Sie lies den Pinsel fallen und sah verzweifelt auf ihre, mit roter Farbe beschmierten Hände.

– „Da muss jemand ganz schnell aus meinem Kopf verschwinden. Ich brauche Platz für etwas brauchbares, sinnvolles, hilfreiches. Du bist nicht hilfreich. Du stehst mir im Weg. Ich muss wachsen, mich weiter entwickeln. Ja! Ich muss etwas Großes schaffen. Mit Dir schaffe ich nichts. Du stehst im Weg. Hau ab!“

– „Du dummes Kind! Ich werde nie gehen. Ich bin ein Teil von Dir. Ohne mich bist du verloren. Ohne mich bist du Nichts. Ein leeres Gefäß. Du dummes Kind! Ich befand mich in Dir schon bevor deine Augen das Licht dieser hoffnungslosen Welt erblickt haben. Bevor du gelernt hast zu denken, zu krabbeln und zu sprechen. Bevor du Liebe und Hass, Freude und Trauer kennengelernt hast. Ich bin immer da gewesen. Ich bleibe für immer dein treuer Begleiter“ sprach der Wahnsinn in ihr. „ Und jetzt wirf diese unsinnige Gedanken aus deinem Kopf, wir brauchen Platz für neue, die uns helfen die Leiche wegzuschaffen“.